8 September 2010
An der Schuld der deutschen Nation ist faktisch jeder Deutsche beteiligt, der bis zum Mai 1945 irgendwie aktiv waren - aber gilt das auch für diejenigen, die heute leben?Nein.
Denn Schuld ist das subjektive Bewusstsein durch das eigene Handeln Normen des Sittengesetzes verletzt zu haben. Ich kenne also mein Fehlverhalten und reagiere emotional darauf, indem ich es zurückweise. Das schlechte Gewissen, da so entstanden ist, kann natürlich nicht auf die folgenden Generationen vererbt oder auf ein Kollektiv übertragen werden. Allerdings verhält sich der Schuldige auf eine bestimmte Weise und konditioniert auf diese Weise seine Kinder bzw. seine Umgebung. Vererbt wird also nicht eine Schuld, wohl aber, wenn man so will, ein bestimmtes Thema, mit dem sich Andere, die in diesem Traditionsstrang stehen, dann so oder auseinandersetzen,
· sei es, dass sie Alles zurückweisen, das sie mit der Tradition konfrontiert - das war eine der Reaktionen der Deutschen nach der Nazizeit -,
· sei es, dass sie genau wissen wollen, was passiert ist - das ist mein Fall,
· sei es, dass sie sich den Nazis, ihrer Ideologie und ihren Taten identifizieren, was zwar selten vorkommt, aber möglich ist.
Das alles sind Methoden, sich mit der Schuld der Eltern vor allem auseinander zu setzen. Hier geht es aber nicht um die Schuld selbst, sondern um meine Stellungnahme zur Schuld Anderer - und das muss man auseinanderhalten. Davon trennen muss man die "Betroffenheit" derjenigen, die durch die Verbrechen der Nazis nahe Verwandte oder Freunde verloren haben, mit denen sie emoional besonders eng verbunden waren. Auch das Gefühl lässt sich nicht vererben oder sonst wie tradieren, ja, nurin Ausnahmefällen über Jahrzehnte aufrecht erhalten. Der "Betroffenheitskult", der heute, 70 Jahre nach dem Ende der Nazizeit, gepflegt wird, ist also in aller Regel verlogen und dient ganz anderen, sehr niedrigen Zwecken, auf die ich noch zu sprechen komme. Wenn beispielsweise in Oldenburg irgendwelche entfernte Angehörige angeblicher Opfer des Landeskrankenhauses Wehnen, die sie nie gekannt haben, "betrauern", dann heucheln sie und das in einer besonders üblen Weise. Üüber die wahren Gründe ihres Verhaltens mögen sie selbst oder Dr. Ingo Harms, Auskunft haben.
Zurück zum Thema.
Die Schuld selbst setzt voraus, dass ich die Normen kannte, gegen die ich verstieß, und dass ich das aus freiem Willen tat, und hier setzten diejenigen an, die sich nach der Befreiung freisprechen wollten.
· Sie hatten ja nichts gewusst!
· Und sie handelten auf Befehl, waren also zu ihrem Tun gezwungen.
Beides ist falsch.
Natürlich hat jeder gewusst, dass die Juden - und Andere - ermordet wurden.
Und natürlich kann Niemand 12 Millionen Soldaten nach Moskau hetzen, ohne dass dies jeder Einzelne von ihnen das letztendlich auch will.
Warum?
Nun, die Antwort hat der Gastwirt Willy aus Blexen gegeben, wenn er betrunken war:
"Wenn Adolf länger gelebt hätte, wäre ich heute Bürgermeister von Moskau!"
Das waren seine Worte.
Anders gesagt:
Alle suchten ihren Vorteil aus den Verbrechen des Reiches zu ziehen, zumindest aber den Konsequenzen zu entgehen. Damit ist die Frage beantwortet, warum sind so Wenige desertiert sind - 12.000 von 12 Millionen - und nicht alle, was vernünftig und richtig gewesen wäre.
Es eben nur Wenige gab, welche die inhumanen Ziele der Deutsch-Nazi-Onalen ablehnten.
Natürlich: nach dem 8. Mai1945 sah Alles ganz anders aus. Jetzt musste der Anschein erweckt werden, als seien alle eigentlich dagegen gewesen.
Jetzt kamen die Märchenerzähler endlich zu Wort - bis heute.
Wenn es aber so war, das eigentlich alle gegen die Nazis waren, und das ist der kern der gesamten deutschen Kriegsliteratur, zumindest so weit ich sie kenne, dann musste es etwas gegeben haben, was von den Deutschnationalen nicht korrumpiert wurde und deshalb tradiert werden durfte, ja, tradiert werden musste, um das zu bewahren, was erhalten bleiben sollte - und das war der deutsche Nationalismus minus Hitler und NSDAP. Wenn man aber so verfuhr - wie sollte man dann mit dem Antisemitismus der Christen und der Völkischen umgehen?
Ich will auf Folgendes hinaus:
Natürlich gibt es so etwas wie ein allgemeines Sittengesetz, das jedem mehr oder minder bewusst ist, und natürlich war jedem Deutschen klar, dass er gegen dieses verstieß, als er die Befehle, der Nazis, welche auch immer, befolgte. Daraus folgt, dass es zwar keine Kollektivschuld der Deutschen insgesamt gibt, wohl aber, dass so gut wie jeder deutsche Staatsangehörige schuldig wurde, indem er "dem Führer zuarbeitete", wie das Bormann einmal ausdrückte, egal in welcher Funktion. Die Urteile gegen die Naziführer ergingen deshalb zu Recht, was diese auch anerkannt haben, indem sie auf "nicht schuldig" plädierten, also das gericht und die Normen, die es anzuwenden trachtete, anerkannten. Und Keiner von ihnen, Hess ausgenommen, der gar nichts sagte, hat die Gelegenheit benutzt, um der Welt zu erklären: Ja, wir haben alle Juden ermorden lassen, weil das richtig war und werden das wieder tun, wenn wir die Gelegenheit dazu erhalten, nein, sie haben das unwürdige Spiel von Ganoven geboten, die erwischt wurden und nun versuchten, sich irgendwie heraus zu reden. Sie wussten also, dass sie Verbrecher waren und Strafe verdient hatten. Dass sie ihr zu entgehen trachteten, ist verständlich, ändert aber am Sachverhalt nichts.
Aber der moralische Vorwurf, irgendwie an den Verbrechen des sog. Dritten Reichs beteiligt gewesen zu sein, trifft nur die Deutschen, die von 1933 bis 1945 akiv an dem sozialen Leben der Zeit teilnahem, nicht aber deren Nachfahren. Dennoch bleibt Auschwitz ein Faktum der deutschen Geschichte, das möglich wurde, weil es bestimmte ideologische wie auch soziale Voraussetzungen gab, und dessen Konsequenzen sind bis heute spürbar, weswegen wir uns mit ihnen noch lange Zeit auseinandersetzen müssen.
Und das geschieht unter Anderem auf diesen Seiten.
Anmerkung:
Ausflug nach Blexen
7 September 2010
Die deutsche Nation, vertreten durch ihre Organe, ist also nach meiner Aufassung verantwortlich für die Rechtsfolgen des kollektiv verübten Mordes an den Juden. Sie ist, so sagt wohl der Jurist, eine Haftungsgemeinschaft, und der Rechtsanspruch auf Wiedergutmachung der Vermögenssschäden, die einzelne Juden erltten haben, vererbt sich, wie sich auch das Vermögen der Geschädigten selbst vererbt hätte. Ergibt sich daraus eine Kollektivschuld des deutschen Volkes und ist auch diese erblich?Nehmen wir an, der Eckensteher Nante verübt einen Einbruch ud erbeutet dabei den Familienschmuck, sagen wir, der Familie Dede. Dann hat er eine Straftat begangen, für die er, wenn man ihn erwischt, verurteilt wird, weil er schuldig geworden ist, aber das gilt nicht nur für ihn, sondern auch für den Ede, der die Leiter hielt, und für den Hehler, der ihnen später die Sachen abkaufte, wohl wissend dass sie gestohlen waren. Die Schuld an der Tat wurde auf diese Weise sozusagen aufgeteilt.
Die Nazis haben das Verfahren perfektioniert.
Gehen wir also ins Detail:
Wer ist schuld an dem Judenmord in Auschwitz und an anderen Orten?
Tragen diejenigen die Schuld an dem Verbrechen, welche die Menschen in die Gaskammern trieben und die Hebel umlegten, so dass das Gift ausströmen konnte?
Aber führten sie nicht die Befehle aus, die andere gaben?
Und was ist mit denen, welche die Fahrpläne erarbeiteten, dann die Juden in die Züge verluden, und diese nach Auschwitz fuhren? Tragen sie nicht auch Schuld an diesem Verbrechen?
Und weiter:
Dass alle diese Befehlsempfänger, die doch auch Menschen waren, also ein Gewissen hatten, so handelten, war doch das Ergebnis einer langen Propaganda der Pastoren, Lehrer und Schriftsteller, betrieben hatten. um die moralischen Bedenken, die der eine oder andere Deutsche vielleicht hatte, auszuschalten - tragen sie keine Schuld?
Denn gewusst haben doch Alle, dass die Juden ermordet wurde - man erzähle mir keine Opern, oder sollte das ein Geheimnis gewesen sein, das nur dem zehnjährigen Klaus Dede in Blexen und Papst Pius XII. bekannt war?
Quatsch!
In Deutschland wussten Alle, welchem Schicksal die Menschen, die da in Viehwaggons an ihrer Nase vorbei transportiert wurden, entgegenfuhren, man kannte nur nicht die Methode des Mordes, aber im Prinzip ist es doch egal, ob Juden vergast, erschossen oder aber, wie wir uns als Kinder erzählten, mit Schiffen in der Nordsee versenkt würden - dass man sie tötete, war ganz eindeutig, aber man tat nichts.
Weil das nicht möglich war?
Gewiss, Pastor Rühe, der einen solchen Transport von todgeweihten Juden auf dem Pferdemarkt in Oldenburg besichtigte, blieb 1944 sicherlich nichts anderes mehr übrig, als nach Hause zu gehen, um seine nächste Predigt über die Liebe Gottes und ähnlichen Quatsch vorzubereiten, aber 1933, als die SA die jüdischen Geschäfte boykottierten, hätte er etwas tun können, mehr noch: tun müssen, aber er hat nicht, ebenso wenig wie die anderen Pastoren aller Kirchen und Sekten, denn den Juden geschah ja nach seiner christlichen Lehre nur recht.
Und die Soldaten? Was taten sie denn nach der Niederlage vor Moskau im Jahre 1941 Anderes, als den Mord an den Juden nach außen abzusichern?
Selbst wenn wir einmal untrstellen, dass nach den Moralvorstellungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Angriffskrieg gerechtfertigt war, so ist doch unstreitig, dass es ein Verbrechen war, den Orlog fortzusetzen, als alle verantwörtlichen Generäle wussten, dass ein Sieg, wie Hitler ihn sich vorstellte, nicht mehr möglich war, also hätten sie entweder nach Hause gehen oder aber putschen müssen, keinesfalls durften sie einen Krieg fortsetzen, der nur noch den Zweck hatte, der SS und anderen Dienstellen die Möglichkeit zu geben, alle Juden, die sich im deutschen Bereich befanden, zu ermorden.
An diesem Verbrechen waren also - ausgenommen die Emigranten, die Wehrdienstverweigerer, die Insassen der KZ und die Patienten in den Irrenanstalten und Georg Elser - alle Deutschen beteiligt und damit mehr oder weniger schuldig, also Alle, die damals irgendwo und irgendwie an den Aktionen des Dritten Reichs beteiligt waren: wirklich Alle!
Das war und ist die bittere Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
So wahr mir Gott helfe,
Anmerkung: Vor vielen Jahren nahm ich in der Weser-Ems-Halle in Oldenburg an einem Empfang teil, bei dem ich an einen Tisch geriet, an dem auch der Rabbi Trepp und ein niederländischer Arzt namens Goldstein oder so ähnlich saßen. Wir gerieten in ein vertrauliches Gespräch, in dessen Verlauf ich den Mut sagte, den beiden Juden zu sagen, dass ich in einem antisemitischen Elternhaus groß geworden sei und bis 1955 eine antisemitisch geprägte Schule besucht hätte. Ich gestand ihnen: "Meine Vorurteile gegen Neger habe ich, glaube ich, überwunden, aber mit Ihnen kann ich nicht unbefangen reden!" Nach diesem Geständnis legte mir der Arzt eine Hand auf den Arm und sagte: "Wer so tief vom Judenhass geprägt ist wie Sie, wird dies Ressentiment nicht mehr los!" Seitdem sage ich mir und anderen: Ja, meine Eltern, meine Geschwister, meine Lehrer und alle anderen, die mich moralisch prägten, haben mich zu einem emotionalen Antisemiten gemacht - das kann ich nicht mehr ändern. Aber ich kann verhindern, dass ich dieses Ressentiment auf die nächste Generation übertrage, indem ich möglichst schonungslos das sage, was damals geschehen ist, und keine Ausrede zulasse, und darum bemühe ich mich, möge das nun meiner verehrten Feindin, Frau Rosemarie Schumann und den anderen Zionisten in Oldenburg und anderswo gefallen oder nicht. Die Verlogenheit der der Christen und all der Anderen, die ihren Antisemitismus verleugnen, mache ich nicht mit, denn das ist, wie der Ausrutscher des Senators Saryzin zeigt, der noch an ein Juden-Gen glaubt, der einzige Weg, dieses Ressentiment los zu werden. Genug für heute.
