11 Januar 2010

Das ist hier ein Tagebuch und keine wissenschaftliche Arbeit. Es hat die Funktion, meinen lieben Freunden auf diesem Wege mitzuteilen, was mir so durch den Kopf geht. Dass ich gleichzeitig auch meine zahlreichen Feinde innerhalb und außerhalb meiner Familie darüber unterrichte, wie es mir so geht, ist unvermeidlich, und mir eigentlich auch ganz recht – es ist halt die einzige Form der Kommunikation, die noch möglich ist.

Warum ist das so?

Ich habe mich sehr um eine Antwort bemüht.

Ich will sie hier skizzieren:

Zeitweilig hörte ich im Radio Vorträge über Pädagogik und stellte dabei mit wachsendem Entsetzen fest, dass in meiner Kindheit alles, aber wirklich alles falsch gemacht wurde, was nur falsch zu machen war – ich habe in Blexen die Hölle erlebt, durfte das aber nicht sagen.

Das tue ich jetzt aber.

Ja, ich habe unter einer Mutter gelitten, die lieblos, arrogant und dumm war. Ich weiß, Hildegard, das man so etwas nicht sagen darf, weil man seine Mutter zu lieben hat, aber das habe ich nicht getan, so wie ich von ihr nicht geliebt wurde. Ich habe mich bemüht, die Form einzuhalten, und weil ich so die Abneigung verdecken musste, die ich empfand (und der ich begegnete), habe ich versucht, die ungeschriebenen Gesetze des christlichen Dogmas besonders pünktlich zu befolgen, jedoch nie genug, wie mir meine Familie vorwarf, natürlich ohne das zu sagen.

Liebe? Nein, darum ging es nie, denn Christen kennen keine Liebe. Sie töten jedes Gefühl der Zuneigung mit einem einzigen Wort: „Wenn“.

Ich liebe Dich, wenn Du im rechten Glauben stehst und den Mund hältst und wenn Du Dich fügst und Pastor wirst und wenn Du keine Forderungen stellst und, wenn und wenn und wenn Du Dich vor allem bedingungslos unterwirfst.

Und darum habe ich mich zwar bemüht, aber nicht ausreichend. Und ich bin daran gescheitert.

Und zwar deshalb, weil ich nicht nur von meiner Familie, ja, von meiner ganzen Familie, abgelehnt wurde – und das ist, so weiß ich inzwischen, das Schlimmste, was einem Kind passieren kann – und warum?

Nein, nicht wegen meiner Untaten und Verbrechen, sondern weil ich überhaupt existierte.

Meine Geschwister warfen mir vor, dass ich überhaupt geboren wurde.

Und diese Anklage wurde dann von denen übernommen, die dazu kamen oder irgendwie in den Kreis derr Familie traten.

Allerdings mit einer Ausnahme: meine Schwester Barbara, aber sie stützte mich nur, bis mein Schwager Olav Hanssen auftauchte, der dann dafür sorgte, dass sie, wie das die christliche Religion verlangt, ihrer Familie entfremdet wurde, natürlich auch mir.

Und an all dem hatte ich natürlich Schuld. Mein Versagen, meine Fehler, meine Sündhaftigkeit – nicht wahr, Hilde, so argumentiert Ihr doch?

Und ich habe das Alles geglaubt.

Ist es da verwunderlich, dass ich keinerlei Selbstbewusstsein entwickeln konnte?

In meiner Kindheit habe ich nur gelernt, dass ich nichts kann, nichts tauge und stets versage.

Und weil das, was ich tue, eh schlecht ist, brauche ich gar nicht erst anzufangen.

Und das setzte sich in der Schule und im Beruf fort. Das, was ich erwartete, trat dann auch ein. Und wenn das nicht das Fall war, sorgte ich dafür. So reiht sich in meinem Leben eine Niederlage an die Andere-

Und die Folge?

Ich habe vor Allem und Jedem Angst und zwar so, dass ich mich jetzt in meine Butze verkrieche und Keinen mehr sehen will.

Und das alles wird grundiert durch ein Gefühl der Traurigkeit, die sich gelegentlich so steigert, dass ich in der Tat zu nichts mehr fähig bin.

Das ist das Ergebnis meiner christlichen Erziehung. Und des christlichen Nächstenhasses, wie ich ihn in meiner Familie erleben durfte.

Aber so etwas sagt man doch nicht?

Und warum nicht?

Die Familie Dede lebt nun einmal hier in Oldenburg auf dem Präsentierteller.

Und natürlich erzählen alle, die dazu gehörigen, wie ungehörig ich mich doch benehme, und dass es nicht möglich ist, mit mir Frieden zu halten.

Wo ich auftauche, herrscht innerhalb einer halben Stunde Zank und Streit, verbreitet einer meiner Intimfeinde hier in Oldenburg, und erfindet dazu entsprechende Geschichten – schließlich bestätigt ja die eigene Familie die Darstellung

Und stimmt das nicht?

Wer sich so äußert, wie ich das hier tue, wird doch mit Recht ausgeschlossen, oder?

Genau das ist die Technik:

Nicht die Aktion wird verurteilt, denn die ist ja durch das christliche (oder anarchistische) Dogma gerechtfertigt, also ist auch die Lüge gut, Die Reaktion hingegen böse.

Wer so erniedrigt und beleidigt wird, soll dann doch wenigstens den Mund halten.

Und das tue ich nicht.

Im Grund habe ich es nie getan, aber früher waren meine Äußerungen spontan und unkontrolliert, nahmen also die Form von Neurosen an.

Das ist vorbei, hoffe ich wenigstens.

Jetzt äußere ich mich gezielt – in diesem Tagebuch.

Nicht weil ich die Angehörigen meiner Familie diffamieren möchte, auch nicht, um mich zu verteidigen (mir glaubt eh Niemand), sondern um Außenstehende vor der christlichen Religion zu warnen, durch die mein Leben ruiniert wurde, und nicht nur meines

Das christliche Dogma ist nämlich, wie jedes Dogma, lieblos, brutal und verlogen.

Und das gilt natürlich auch für diejenigen, die dieses (oder ein anderes) Dogma zu ihrem Vorteil nutzen, egal ob sie davon überzeugt sind oder nicht (wahrscheinlich sind sie es nicht).

Das ist die Funktion meines Tagebuchs.

Aber:

Dass ich unter der Biographie, die zu diesem Ergebnis geführt hat, leide, muss ich jetzt wohl nicht mehr erläutern. Und dass die Traurigkeit sich gelegentlich zur psychischen Lähmung steigern kann, wird man auch verstehen. Das ist halt so, und dann brauche ich Ruhe, viel Ruhe, und die nehme ich mir jetzt. Dann geht es weiter. jedenfalls vorerst.