16 Januar 2010

Die Bibel steckt voller Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen, und das gilt auch für das neue Testament. Aus diesem Grunde ist es – glücklicherweise – auch nie gelungen, eine in sich stringente christliche Dogmatik zu entwickeln, jedenfalls keine, die sich aus dem Text der Bibel ergibt. Ich greife einen solchen Widerspruch heraus, der mir allerdings besonders wichtig ist.

Da erzählt der Verfasser des Markus-Evangeliums diese Geschichte: „Es geschah nun, dass sie an einem Sabbat durch Getreidefelder gingen, und dass seine Schüler anfingen, Ähren zu rupfen. Und die Pharisäer sagten ihm: ‚Siehe, machen sie da nicht am Sabbat etwas, was verboten ist?’ Er aber sagte ihnen: „Wisst ihr denn nicht, was David, als er und die Seinen, die mit ihm waren,hungerten? Wie er zur Zeit Abathars in das Haus des Herrn ging und die Schaubrote aß, die nur die Priester essen durften, und davon denen gab, die mit ihm waren? Und er sagte ihnen: Der Sabbat entstand wegen der Menschen und nicht der Mensch wegen des Sabbats. So ist der Sohn des Menschen der Herr des Sabbats.“ (Markus, 2, 23-28; die Übersetzung habe ich hergestellt) Die Geschichte enthält zwei Widersprüche:

Zunächst: David befand sich auf der Flucht, als er die Schaubrote aß, und stand vor der Wahl, entweder zu verhungern oder aber ein Sakrileg zu begehen, und in dieser Situation setzte er sich über das Gebot hinweg, während Jesus mit seinen Schülern spazieren ging und diese allenfalls an dem kleinen Hunger zwischendurch litten (dass Jesus Ähren gegessen hätte, wird uns nicht berichtet). Der Vergleich hinkt also, was wir hier aber übersehen wollen.

Wichtiger ist indessen der letzte Satz, wonach der Sohn des Menschen auch der Herr über den Sabbat ist, also das rituelle Verbot aus dem Tanach außer Kraft setzen darf. Wo steckt hier eigentlich das Problem?

Ich möchte wieder einen Witz erzählen:

Ein Engel verkündet der Menschheit, dass zu einem bestimmten Termin die Sintflut ausbrechen wird.

Was geschieht?

Die Katholiken veranstalten eine Prozession. Die Protestanten laden zu einem Bittgottesdienst ein. Die Juden bauen eine Arche.

Ich will damit sagen, dass kein Jude wegen seiner rituellen Gesetze daran gehindert wird, in Notfällen sich oder andere Menschen zu retten.

Wenn der Verfasser des Markus-Evangeliums also mit dieser Geschichte sagen wollte, dass die Vertreter der mosaischen Religion Menschen zugrunde gehen lassen, um ihren Vorschriften zu genügen, so zeigt er mit dieser Kritik lediglich, dass er sich von seiner Gemeinschaft und ihrem Ethos schon sehr weit entfernt hat.

Aber im Kern geht es um etwas Anderes:

Wenn wir den letzten Satz weglassen, lernen wir aus dieser Geschichte, dass nach Ansicht des Autors alle Gesetze den Zweck haben, die menschliche Gemeinschaft zu schützen, und keine Vorschrift um ihrer selbst da ist. Wenn also ein Gesetz dem Menschen schadet, haben wir das Recht, es zu verletzen, ja, aufzuheben. David, der vor der Wahl stand, entweder zu verhungern oder aber ein rituelles Gebot zu verletzen, durfte also, um das höhere Gut, nämlich das Leben seiner Leute, zu bewahren das geringere, nämlich den Respekt des rituellen Gesetzes bzw. des Eigentums der Priester, verletzen. Nun habe ich an anderer Stelle gesagt, dass ich in meinem literarischen Werk letztendlich die Frage stelle, wie in einer autoritären strukturierten Gesellschaft eine selbstbestimmte Existenz realisiert werden kann. Das ist aber auch das Thema der jüdischen Religion und taucht, da Jesus ein Jude war, auch im Neuen Testament auf, wird aber sogleich zurückgewiesen, wie sich an dieser Geschichte zeigt. Zwar lässt der Verfasser des Markus-Evangeliums seinen Jesus sagen, dass der Sabbat um des Menschen willen gemacht wurde und nicht umgekehrt, aber dann erschrickt ein Anderer, der den Text bearbeitet, vermutlich über diese Aussage, die ja bedeutet, dass der Mensch mündig ist und sich deshalb über dogmatische Vorschriften hinweg setzten kann, und fügt deshalb den Satz hinzu, dass des Menschen Sohn der Herr des Sabbats sei, womit der Sinn der Geschichte verändert wird: jetzt geht es nämlich nicht mehr um die Mündigkeit des Menschen, sondern darum, dass des „Menschen Sohn“, also Jesus, die Kompetenz hat, jüdische Ritualgesetze außer Kraft zu setzen. Damit ist der Gegensatz der christlichen zur mosaischen Religion etabliert, der sich dann im Laufe der Jahrhunderte steigerte, bis er dann in Auschwitz seinen Höhepunkt erreichte.

Die Geschichte vom Ährenraufen finden wir im Evangelium nach Markus und, fast wortgleich in demjenigen nach Matthäus, nicht aber bei Lukas und schon gar nicht bei Johannes. Der emanzipatorische Ansatz, der in dieser Geschichte deutlich wird, war also den ersten Predigern des Christentums so unheimlich, dass sie die Anekdote in den jüngeren Evangelien denn doch lieber ganz wegließen. Da aber der Wortlaut der ersten beiden Evangelien inzwischen kanonisiert war, konnte man sie dort nicht mehr einfach weglassen, und so ist uns dieses Dokument der vermutlich jesuanischen Predigt erhalten geblieben. Anmerkung: Fällt die Linke auseinander? Diese Frage stellt sich offenbar, seit Lafontaine ausgeschieden ist. Offenbar war er der Einzige, der dieser Partei eine sachliche Richtung gab. Gysi ist, ebenso wie unser Leberecht Hühnchen, nichts weiter als ein Karriere-Ritter, der Bundesminister werden will und weiter kein Ziel hat. Das aber reicht nicht aus, um den Verein zusammen zu halten. Dass der Bundesgeschäftsführer über eine öffentliche Kritik des Vorsitzenden abgehalftert wird, zeigt, dass es so etwas wie Loyalität innerhalb der Linken offenbar nicht gibt. Das Verfahren ist menschlich schäbig und macht deutlich, dass die persönlichen Beziehungen zwischen den Führungskadern der Partei zutiefst zerrüttet sind. Und wenn wir dann noch bedenken, dass diese Partei bis heute kein eigenes Programm hat, also selbst nicht weiß, was sie will, dann ist doch wohl die Frage berechtigt, ob sich der Verein nochlange halten wird. Natürlich ist der Nazi-Barde August Hinrichs immer noch der Schandbürger Oldenburgs. Hier gibt es Niemanden, der öffentlich dagegen protestiert, dass die politische Elite dieser Stadt sich so ohne Ausnahme mit der Ideologie identifiziert, die zu den Verbrechen von Langemarck, Verdun, Auschwitz und Rostock-Lichtenhagen sowie Solingen motiviert hat und noch motiviert. Pfui. Und nun noch etwas Reklame: Klaus Dede Von böser Lust und rechter Freudigkeit Die Kampagne der Priester, Pastoren, Ärzte und Lehrer gegen das unglaublich gemeine Laster der zerstörerischen Selbstbefleckung Aachen 2009, Shakermedia, 223 Seiten, 19.90 Euro Und noch ein Hinweis: Im Melzer-Verlag (Bermondstr. 9, 63263 Neu-Isenburg) erscheint alle zwei Monate die Zeitschrift „Semit“, die ich hier dringend empfehlen möchte. www.dersemit.de