21 Januar 2010

Jesus, so will ich das Ergebnis meiner Überlegungen zusammenfassen, war ein gräzisierter Jude, der im Umherziehen das Gewerbe eines Psychotherapeuten ausübte und dabei eine Anzahl Schüler um sich versammelte. Er erfreute ich der Unterstützung einiger reicher Juden, vor allem einiger wohlhabender Frauen, darunter insbesondere einer Maria aus Magdala, von der wir aber weiter nichts wissen. Dabei wurden ihm bereits zu Lebzeiten eine Reihe von besonderen therapeutischen Leistungen, die seine Kunden als Wunder deuteten, zugeschrieben. Da er zugleich als Prediger wirkte, erzielte er eine gewisse Wirkung auf seine Anhänger und entfaltete das, was wir heute als „Charisma“ bezeichnen. Das hatte zur Folge, dass sich die Gruppe, die ihn unterstützte, organisatorisch verfestigte, was wiederum die Aufmerksamkeit der römischen Besatzungsmacht erregte.

Damit haben wir die Voraussetzungen der Tragödie benannt, die sich nunmehr abspielte, der er, wenn wir die Äußerungen, die von ihm überliefert sind, richtig deuten, gerne entgangen wäre, aber wie konnte das geschehen?

Das Palästina der Zeitenwende war ein Teil des Römischen Reiches und zugleich ein Pulverfass.

Was aber war das Römische Reich?

Als Jesus lebte, erstreckte sich das Imperium vom Euphrat bis zum Atlantik, von der Nordsee bis an den Rand der Sahara, und dieses riesige Gebiet wurde nach außen und innen von etwa 25 Legionen und einigen Hilfstruppen, insgesamt 250.000 Mann, geschützt. Die Mannschaftsstärke entsprach also etwa derjenigen der heutigen Bundeswehr. Das Reich, das Augustus beherrschte war also groß – und zugleich erstaunlich schwach. Das war möglich, weil die Untertanen dieses Staates von dem Rechtssystem, auf dem die Organisation beruhte, überzeugt waren. Es garantierte ihnen nämlich im ganzen Mittelmeerbecken Freizügigkeit und Sicherheit, so weit das damals möglich war und, das sei hier nur angedeutet, in Rom ein Kaiser regierte, dessen Autorität nicht angefochten wurde.

Wenn das aber geschah, drohte das ganze, sehr fragile Gebäude zusammen zu brechen. Das drohte im 3. Jahrhundert p. Chr. zu geschehen und trat dann im 5. Saeculum tatsächlich ein, aber um die Zeitwende war die pax romana fest gefügt – nur in einem Land brodelte es: Palästina. Hier lebten Juden, die sich damals auch als eine Nation definierten, welche sich durch ihre Religion legitimierte, also durch eine Ideologie wurde, deren Anhänger forderten, das Königreich Davids wieder zu errichten. Nun gab es politische Führer unter den Juden, die dieses Reich in den Himmel verlegten, was die Römer nicht weiter störte, aber andere verstanden darunter ganz konkret einen jüdischen Staat in Palästina, der dann nicht mehr Teil des römischen Imperiums sein sollte, und das war etwas, was die Römer keinesfalls zugeben konnten, denn ein solcher Präzedenzfall hätte weitere Forderungen dieser Art hervorgerufen. Da gab es also keinen Kompromiss. Das war also der Konflikt, der im Jahre 70 p. Chr. zur Zerstörung des Zweiten Tempels führen sollte (und der uns heute möglicherweise in einen Atomkrieg schliddern lässt). Das welthistorische Gewitter braute sich zu Lebzeiten Jesu bereits zusammen, was sehr spürbar war. Nun waren die Römer damals leider keine Softies, sondern konnten, wenn sie sich herausgefordert fühlten, überaus grausam sein, du waren das auch in diesem Fall. So viel zur allgemeinen Lage im Jahre 30 p. Chr. in Palästina. Und was sollten die Römer, eine landfremde Besatzungsmacht, von einer relativ großen, aramäisch sprechenden Gruppe junger Männer halten, die bewaffnet durch das Land zog und an deren Spitze ein Mann stand, der sich in der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreute, und dabei Reden hielt, welche die Römer nicht verstanden? Ist es wirklich so erstaunlich, dass sie eine günstige Gelegenheit nutzten, um sich den Anführer zu greifen und ihn, wie das bei ihnen üblich war, ans Kreuz zu nageln? Ich finde das, wenn ich mir die Sitten der Zeit vor Augen führe, verständlich.

Das war eine Verletzung der Menschenrechte?

Gewiss!

Nur: Von denen wusste man damals nichts.

Eigentlich ließ auch das Römische Recht ein solches Verfahren nicht zu?

Auch richtig.

Aber wer kümmerte sich denn im Jahre 30 unserer Zeitrechnung um das Schicksal eines Landstreichers? Und mehr war Jesus in den Augen der Römer nicht.

Pilatus, der als brutal gefürchtet war, wollte Ruhe in seinem Bezirk.

Alles Andere war ihm egal.

Und die stellte er her, bevor jemand Krawall machte. Also endete Jesus am Kreuz.

Und der Erfolg gab ihm Recht.

Denn die Schüler, die ihm folgten, liefen verängstigt davon und verkrochen sich in Jerusalem.

Die Gefahr war beseitigt, ehe sie offenkundig war, also ehe der Funken gezündet hatte.

Vielleicht fällt dem Einen oder Anderen auf, dass die Juden in meiner Passionsgeschichte überhaupt keine Rolle spielen.

Das ist deshalb nicht der Fall, weil ich sie nicht brauche.

Einmal benötigte Pilatus, wenn er einen Mann der Unterschicht kreuzigen lassen wollte, Niemanden zu fragen, auch keinen Juden (und schon gar nicht seine Frau), und er hat das mit Sicherheit auch nicht getan.

Und dann: Warum sollten die Juden einen Mann töten,

· der Menschen heilte,

· das Gesetz des Moses penibel einhielt.

· und bestrebt war, die angespannte Stimmung im Lande zu begöschen,

· sich überhaupt aus der Politik heraus hielt?

War es ein Verbrechen, dass Jesus vielleicht die eine oder andere Position vertrat, die dem Einen oder Anderen nicht passte – Gott soll schützen: wir bewegen uns unter Juden, und die diskutieren ständig, streiten sich auch tüchtig, aber bringen sie sich deshalb um?

Das geschieht erst unter den heutigen Zionisten.

Anmerkung: Gestern habe ich in der Neuen Zürcher Zeitung eine Zeile gelesen, die genau meiner Meinung entspricht: Obama ist auch nur ein amerikanischer Präsident. Richtig ist, dass er Hoffnungen weckte, die er nicht erfüllen konnte und die er nunmehr enttäuscht. Und richtig ist auch, dass er weder das Geld noch den gesellschaftlichen Hintergrund hat, die es ihm erlauben, den Wandel durchzusetzen, der in den USA nötig wäre – und der auch eintreten wird, wenn auch später und wahrscheinlich mit höheren Verlusten als das heute der Fall wäre, wenn man dem jetzigen Präsidenten folgte. Aber er hat ja noch drei Jahre vor sich. Und er zeigt ja jetzt in Haiti, dass er durchaus Führungsqualitäten besitzt und diese auch dort einsetzt, wo ihm das möglich ist. Warten wir’s also ab – noch ist Polen nicht verloren. Aber selbst wenn Obama Morgen einem Attentat zum Opfer fallen sollte, so hat er allein dadurch, dass er in das höchste Amt der USA aufsteigen konnte, viel bewirkt – leider nicht Alles. Das gebe ich zu. Natürlich ist der Nazi-Barde August Hinrichs immer noch der Schandbürger Oldenburgs. Hier gibt es Niemanden, der öffentlich dagegen protestiert, dass die politische Elite dieser Stadt sich so ohne Ausnahme mit der Ideologie identifiziert, die zu den Verbrechen von Langemarck, Verdun, Auschwitz und Rostock-Lichtenhagen sowie Solingen motiviert hat und noch motiviert. Pfui. Und nun noch etwas Reklame: Klaus Dede Von böser Lust und rechter Freudigkeit Die Kampagne der Priester, Pastoren, Ärzte und Lehrer gegen das unglaublich gemeine Laster der zerstörerischen Selbstbefleckung Aachen 2009, Shakermedia, 223 Seiten, 19.90 Euro Und noch ein Hinweis: Im Melzer-Verlag (Bermondstr. 9, 63263 Neu-Isenburg) erscheint alle zwei Monate die Zeitschrift „Semit“, die ich hier dringend empfehlen möchte. www.dersemit.de