23 Januar 2010
Es war ein ganz normaler Vormittag, als mich der Anruf erreichte, durch den mich Thomas, ein Bekannter, über da unterrichtete, was man eben erfahren hatte:"Ekkehard hat sich umgebracht!“
„Wie?“
„Im Auto. Durch Abgase!“
Das war es.
Ich nahm die Nachricht in diesem Augenblick ohne weitere emotionale Regung auf. Erst Nach und Nach wurde mir klar, was da passiert war.
Zunächst:
Um wen handelte es sich überhaupt?
Ekkehard Plate war ein Student, mit dem ich Schach spielte. Und bei diesen Gelegenheiten waren wir mit Einander in’s Gespräch gekommen – nicht sehr intensiv, aber doch so weit, dass ich wusste, nein, hätte wissen müssen, dass er sich in einer existentiellen Krise befand. Und das war der Punkt, der meine Schuldgefühle auslöste, die mich noch heute beschäftigen: Ich stand ihm nah genug, um zu verstehen, wie gefährdet er war, und doch hinreichend fern, um ihm helfen zu können.
Aber ich habe es nicht getan.
Dafür gibt es Gründe, die nicht in die Öffentlichkeit gehören (ebenso wenig wie die Motive, die Ekkehard zu seiner Tat veranlassten), aber für meine weitere Entwicklung wurde wichtig, dass ich hier ein Gefühl der Schuld aufbaute, das sich bis heute – und das Ereignis ist jetzt zwanzig Jahre her, die Leiche also längst auf einem Osnabrücker Friedhof vermodert – gehalten hat. Ich erzähle das hier, weil ich verständlich machen will, wie der Tod Jesu auf seine Schüler gewirkt haben muss.
Nun haben wir es hier nicht mit einem Selbstmord zu tun, aber:
· Jesus war plötzlich und unerwartet das unschuldige Opfer eines Verbrechens geworden, denn dass er Niemals beabsichtigt hatte, in Palästina einen Aufstand der Juden auszulösen, im Gegenteil: der antirömischen Hetze entgegenwirkte, wussten seine Jünger besser als alle Anderen,
· und sie hatten zumindest diesmal erlebt, welch grausamen Tod die erlitten, die an das Kreuz geschlagen wurden, denn der eigentlichen Hinrichtung ging eine entsetzliche Folterung voraus und der Todeskampf selbst dauerte Stunden, mitunter Tage;
· und schließlich wussten seine Anhänger ja nicht, ob die Fahndung durch die Besatzungsmacht nicht auch den Begleitern, ihnen also dasselbe Schicksal drohte, wenn man sie ermitteln würde..
Da mischten sich also Gefühle des Mitleids, und der Angst, und vor allem der Schuld, denn hätten die Jünger das Ereignis nicht verhindern können?
· Mussten sie wirklich Waffen tragen? In den Evangelien ist von zwei Schwertern die Rede, welche die Jünger mit sich führten.
· Waren sie mit hinreichender Deutlichkeiten den Huldigungen entgegengetreten, mit denen Jesus als der Messias begrüßt wurde, wie das ihr Führer verlangt hatte? · und hatten sie ihrem Meister von der verhängnisvollen Reise nach Jerusalem abgeraten, an deren Ende er dann verhaftet und getötet wurde?
Nun, dass die Römer, nachdem sie den Rädelsführer getötet hatten, die übrigen Mitglieder der Gruppe zufrieden ließen, weil sie diese für ungefährlich hielten (was sie auch waren), merkten die Jünger bald, aber das Gefühl der Mitschuld ließ sich nicht so schnell unterdrücken, im Gegenteil: das blieb ihnen erhalten und war so stark, dass einer der Jünger, Judas aus Karioth nämlich, sogar Selbstmord beging, weil er nur so glaubte, sein Verbrechen angemessen sühnen zu können.
Und die Anderen?
Zunächst ergab sich so eine seltsame Solidarität der Jünger mit den Römern: sie hatten durch ihre Nachlässigkeit das Verbrechen möglich gemacht, das dann Andere begingen?
Wer eigentlich?
Die Römer?
Gewiss, denn nur sie kreuzigten diejenigen, die sie zum Tode verurteilt hatten, aber waren sie es allein?
Wer hatte sie angestiftet?
Waren das nicht diejenigen, die dem Lehrer, als er lebte, so heftig widersprachen?
Also die Pharisäer und Schriftgelehrten,
Und die Priester.
Also das jüdische Establishment,
Also die Juden.
Nicht mehr die Pharisäer und Schriftgelehrten, sondern die Juden.
Und damit wären wir bei dem Evangelium nach Johannes angekommen.
Anmerkung: Der „Antistalinismus“ sei ein „Unterwerfungsritual“, meint der Vorsitzende des Deutschen Freidenkerbundes, Klaus Hartmann. Das erregte in dem Verband natürlich Widerspruch, zum Beispiel des Freidenker-Verbandes in Ost-Württemberg, der zur Begründung darauf hinweist, dass eben diese Organisation von Stalin in der Sowjetunion verboten wurde. Die Kritik wurde indes im Bundesorgan des gottseidank nur kleinen Verbandes in schlimmster stalinistischer Manier nie veröffentlicht, geschweige denn diskutiert. Man könnte das ja von der humoristischen Seite nehmen, etwa so: es gibt also neben den wackeren Streitern, welche die wilhelminische Monarchie samt dem Fürstentum Reuß Jüngere Linie, an dem mir besonders viel liegt, wieder aufrichten möchten, auch diejenigen, die den stalinschen Schaurozessen, den Genickschuss-Orgien des KGB und den Lagern der ruhmreichen Sowjetunion nachtrauen – natürlich stets vorausgesetzt, dass sie hinter den Gewehren stehen würden und nicht davor -, aber dass die Letzteren sich ausgerechnet im traditionsreichen Freidenker-Verband festgesetzt haben, ist ärgerlich, ist aber wohl nicht zu ändern, so lange dieser Alt-Stalinist Klaus Hartmann im Amte ist (was er bis zu seinem Tode sein wird) und jede Kritik an seiner unsinnigen Position verhindert. Mit der Tradition der Freidenker hat dieser Unfug nichts zu tun, eher mit der anarchistischen Tradition, aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht vertiefen möchte. Natürlich ist der Nazi-Barde August Hinrichs immer noch der Schandbürger Oldenburgs. Hier gibt es Niemanden, der öffentlich dagegen protestiert, dass die politische Elite dieser Stadt sich so ohne Ausnahme mit der Ideologie identifiziert, die zu den Verbrechen von Langemarck, Verdun, Auschwitz und Rostock-Lichtenhagen sowie Solingen motiviert hat und noch motiviert. Pfui. Und nun noch etwas Reklame: Klaus Dede Von böser Lust und rechter Freudigkeit Die Kampagne der Priester, Pastoren, Ärzte und Lehrer gegen das unglaublich gemeine Laster der zerstörerischen Selbstbefleckung Aachen 2009, Shakermedia, 223 Seiten, 19.90 Euro Und noch ein Hinweis: Im Melzer-Verlag (Bermondstr. 9, 63263 Neu-Isenburg) erscheint alle zwei Monate die Zeitschrift „Semit“, die ich hier dringend empfehlen möchte. www.dersemit.de
