26 Januar 2010

Die „ipsissima verba“ Jesu passten auf eine Postkarte, soll Rudolf Bultmann gespottet haben, und ich füge hinzu: sie wären, wenn man sie tatsächlich einmal zusammenfassen sollte, von einer erschreckenden Banalität, denn sie beschränkten sich zum einen auf die Voraussage, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen sei und auf die Aufforderung, nun Buße zu tun.

Das ist mehr oder weniger alles.

Und viel mehr wird Jesus in seiner aktiven Zeit auch nicht gesagt haben. Alles übrige, was von ihm überliefert wurde, ist das, was man als „Gemeinde-Theologie“ bezeichnet, also ihm von seinen Anhängern zugeschrieben. Wo aber die Grenze zwischen dem, was Jesus wahrscheinlich selbst gesagt hat, und dem, was in der Gemeinde als Lehre des Meisters kolportiert wurde, zu ziehen ist, weiß man nicht. Indes gliedert sich das, was von dem angeblichen Messias überliefert wurde, in zwei Richtungen, die wir dann, von denen wir dann die eine als „jesuanisch“ und die andere als „christlich“ bezeichnen können. Die erstere haben wir schon kennen gelernt und zwar bei der Gelegenheit, als ich die Geschichte von den die Ähren rupfenden Jüngern erzählte, die ja in dem Satz mündete:

Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat.

Hier lernen wir einen Jesus kennen, der sich für die Selbstbestimmung des Menschen einsetzte.

Und die Gegenposition steckt in dem Satz, mit dem der Verfasser des Evangeliums die Anekdote abschließt und damit ihren Sinn ins Gegenteil verkehrt: Dass nämlich der Menschensohn – und damit ist Jesus als der neue Gesetzgeber der Menschheit gemeint – auch Herr des Sabbats sei.

Der Psychoanalytiker Jesus trat also für die Selbstbestimmung des Menschen ein, der Christus hingegen für die Fremdbestimmung durch das Gesetz.

Das ist der Gegensatz, um den es mir geht.

Wenn wir ihn so formulieren, weiß natürlich jeder spontan, für welche Position er sich entscheidet, weswegen die Alternative in der christlichen Theologie niemals so formuliert wird. Da geht es auf der einen Seite um die Freiheit eines Christenmenschen und auf der anderen Seite um die Unterwerfung unter das tote jüdische Gesetz.

Der christliche Glaube macht also lebendig und die Thora tötet.

Wie diese Form der Argumentation möchte ich an einem anderen Beispiel darstellen.

In den synoptischen Evangelien stellt Jesus beispielsweise fest, dass zwei Personen in dem Geschlechtsakt zu einer realen und emotionalen Einheit werden und folgert daraus, dass der Mensch das, was Gott so vereinigt haben, nicht trennen dürfe. Wörtlich: „Was denn Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“

Auf diesem Satz baut das gesamte katholische Eherecht auf, dem die Staaten Europas sehr lange Zeit ebenfalls gefolgt sind, aber ist diese Interpretation die einzige, die möglich ist?

Natürlich nicht.

Sie ist nicht einmal überzeugend,

Denn die Ehe ist nach katholischer Ansicht ein Sakrament, das nicht der Priester spendet, sondern sich die Eheleute gegenseitig geben, weswegen die zusätzlichen Bedingungen ja auch zivilrechtlich vereinbart werden dürfen.

In der kirchlichen Zeremonie wird die Ehe deshalb auch vor Gott geschlossen, nicht von Gott.

Wenn das aber so ist, dann müssten diejenigen, die eine solche Vereinbarung eingehen, diese auch wieder auflösen dürfen – allerdings im gegenseitigen Einvernehmen, nicht durch eine einseitige Entscheidung des Mannes, wie das im rabbinischen Recht vorgesehen war. (Richtig?)

Aus dem Text folgt also keineswegs, dass die Ehe unauflöslich ist.

Und das ist ja auch nach katholischem Kirchenrecht nicht der Fall.

Allerdings wendet der heilige Stuhl hier einen Advokatentrick an, in dem er Eehen nicht trennt, sondern, unter bestimmten Bedingungen für nichtigerklärt, aber das ist teuer und deshalb nur Wenigen möglich.

In der Regel gilt, dass nur Gott die Eheleute trennen kann, und zwar durch den Tod.

Anders nicht?

Was führt denn die Menschen zu einander?

Die Antwort lautet, übrigens auch nach katholischem Kirchenrecht: Die Liebe.

Und sie ist, nach Ansicht der Evangelisten, die bedingungslose, dauerhafte emotionale Zuwendung eines Mannes zu einer Frau und umgekehrt, die im Geschlechtsakt ihren körperlichen Ausdruck findet. Diese Beziehung wird von Gott bewirkt hat. Wenn wir also die Beziehung so interpretieren, dann hat der Adonai die Verbindung hergestellt, aber er beendet sie auch, wenn die Liebe erlischt.

Damit wäre die Praxis, wie sie heute besteht, weitgehend sanktioniert – weitgehend! Denn der „one-night-stand“ ließe sich so ebenso wenig rechtfertigen wie die homosexuelle Beziehung zweier Männer oder zweier Frauen zueinander. Die heute weitgehend übliche Promiskuität lässt sich als, meine ich, mit dem Hinweis auf diese Stelle des Neuen Testaments jedenfalls nicht rechtfertigen, was jedoch nicht bedeutet, dass ich sie verurteile. Ich referiere hier nur die Sexualmoral, wie sie meines Erachtens Jesus vertreten hat, nicht diejenige, die ich für human halte – die werde ich vielleicht an einer anderen Stelle vortragen, wenn ich das nicht schon getan habe.

Hier kommt es mir auf die Feststellung an, dass diese Stelle auch eine Interpretation zulässt, die von derjenigen der römischen Kirche abweicht, und die gibt der Entscheidungsfreiheit der Menschen weit mehr Raum. Und das ist auch notwendig.

Denn die Verhältnisse haben sich bekanntlich verändert:

· Zunächst müssen wir feststellen, dass nicht nur die Männer, sondern vor allem die Frauen schlicht länger leben. Als das jetzige katholische Eherecht festgeschrieben wurde, ging die Frau bei jeder Geburt, die sie nicht vermeiden konnte, ein Risiko auf Leben und Tod ein. Eine Liebesbeziehung endete also in der Regel, bevor die Liebe selbst erloschen war. Das ist heute anders: Nach einigen Jahrzehnten, wenn die Kinder groß sind, haben sich Mann und Frau nichts mehr zu sagen – warum also sollen sie zusammen bleiben?

· Dann haben Pille und Präservativ die Moral von Grund auf verändert. Für die Priester des Mittelalters, welche die katholische Sexualmoral formulierten, war jeder Sexualakt mit der Möglichkeit einer Empfängnis verbunden. Das ist heute nicht mehr der Fall. Ich will die Konsequenzen hier im Einzelnen nicht darstellen, sondern mich auf die Feststellung beschränken, dass Jesus von den Möglichkeiten, welche die Menschen heute haben, keine Ahnung hatte, weswegen die von ihm vertretene Sexualmoral in dem realen Leben keine Grundlage mehr hat, wie jeder Pastor spätestens dann erlebt, wenn er bei einer Konfirmanden-Freizeit die Jungen und Mädchen abends, nach der Schlussandacht sich selbst und ihren sündhaften Begierden überlässt.

· Und schließlich gehört in diesem Zusammenhang, dass die Frau heute nicht mehr, wie das in katholischen Klöstern noch üblich ist, in totaler Abhängigkeit von ihrem männlichen Herrn und Heiland dahin vegetiert und zum Zeichen dieser inhumanen Situation den Schleier trägt, den wir, wenn er muslimischen Frauen aufgezwungen wird, zu Recht verurteilen, viel mehr einen eigenen Beruf ausübt, also selbstbestimmt über ihre Zeit und ihren Körper verfügt, damit auch einer anderen Sexualmoral gehorcht – kurzum: was Jesus hier sagt, gehört, wieso Vieles, was wir in der Bibel lesen, auf den Müllhaufen der Geschichte.

Das sei für heute genug.

Anmerkung: Das neue Heft der „Unabhängigen jüdischen Zeitschrift“ „Semit“ ist da (1/10) – und zum ersten mal regt sich bei mir Kritik. In einem Artikel (Muslime werden mit bundesstaatlichen Geldern diffamiert) äußert sich Elias Davidson zu einem Heft des Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema „Terrorismus“, und den habe ich nicht verstanden. Offenbar ist der Autor der Ansicht, dass nicht fanatische muslimische Terroristen, die Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme und das Pentagon gesteuert haben, sondern wer? Nun, die Theorie besagt, dass die Attentate von Agenten des Mossad ins Werk gesetzt wurden und zwar durch Sprengstoff, der in den Gebäuden angebracht wurde. In dem Artikel geht der Autor davon aus, dass die offizielle Version offensichtlich und für jeden erkennbar falsch sei, seine hingegen richtig, und wenn wir unterstellen, dass seine Theorie für jeden erkennbar richtig ist, dann muss das, was die Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet, natürlich falsch sein, mehr noch: sie verkündet ihren Irrtum wider besseres Wissen – also lügt die Behörde und verleumdet damit diejenigen, die angeblich die Tat begangen haben, um so alle Muslime zu diffamieren. Nein, so kommen wir nicht weiter.

Der salafistische Terror ist natürlich eine Realität. Und er muss ebenso selbstverständlich abgewehrt werden, auch – auch! – mit Gewalt.

Die Frage ist nach meiner Meinung: welche Form diese annehmen sollte.

Nämlich die des Rechts.

Und dann stellt sich die Frage, was zusätzlich getan werden könnte.

Und wenn wir darüber nachdenken, sind wir sehr rasch bei dem Konflikt, den die Zionisten in Palästina jeden Tag neu entfachen.

Und hier setzt jede Lösung voraus, dass die Aggression der Siedler in Palästina beendet werden muss, und wie das geschehen kann, haben die arabischen Staaten im Jahre 1972 gesagt.

Und noch etwas:

Abraham Melzer, der Herausgeber der Zeitschaft „Semit“ und Henryk Broder waren früher einmal Verbündete, vielleicht sogar Freunde, haben sich aber seither hoffnungslos zerstritten.

Beide sind nach wie vor Juden. Und beide sind immer noch Zionisten. Nur: Melzer gibt in seiner Zeitschrift den Juden Raum, die Broder als Antisemiten bezeichnet. So viel lässt sich von ihnen zur Zeit sagen – mehr nicht. Natürlich ist der Nazi-Barde August Hinrichs immer noch der Schandbürger Oldenburgs. Hier gibt es Niemanden, der öffentlich dagegen protestiert, dass die politische Elite dieser Stadt sich so ohne Ausnahme mit der Ideologie identifiziert, die zu den Verbrechen von Langemarck, Verdun, Auschwitz und Rostock-Lichtenhagen sowie Solingen motiviert hat und noch motiviert. Pfui. Und nun noch etwas Reklame: Klaus Dede Von böser Lust und rechter Freudigkeit Die Kampagne der Priester, Pastoren, Ärzte und Lehrer gegen das unglaublich gemeine Laster der zerstörerischen Selbstbefleckung Aachen 2009, Shakermedia, 223 Seiten, 19.90 Euro Und noch ein Hinweis: Im Melzer-Verlag (Bermondstr. 9, 63263 Neu-Isenburg) erscheint alle zwei Monate die Zeitschrift „Semit“, die ich hier dringend empfehlen möchte. www.dersemit.de