3 Januar 2010
Auf die Gefahr hin, dass ich langweile, wiederhole ich mich:Der Kern der menschlichen Gesellschaft, so habe ich gesagt, ist nicht die Familie, wie das christliche Dogmatiker sagen, sondern die Horde, also die Lebensgemeinschaft einer kleinen Gruppe von Männern, Frauen und Kindern, die wahrscheinlich miteinander verwandt sind, vielleicht aber auch nicht. Es handelt sich in erster Linie um eine Produktions- und Konsumgemeinschaft, die sicherlich auch ein sexuelles Kollektiv ist, also noch nicht in Familien gegliedert ist, die man noch nicht kennt, weil es kein Eigentum gibt. Es gibt also im biologischen Sinne Verwandtschaften, aber sie bilden noch kein soziales und erst recht kein juristisches Problem, denn auch vom Recht weiß man nichts.
Dass diese These richtig ist, erkennen wir daran, dass die Gesellschaft dort, wo sie auseinander fällt, also in den Slums New York oder in den Fauboorgs von Paris, sich nicht in Familien gliedert, sondern, wie einst in der Steppe, in Horden, die sich untereinander erbittert bekämpfen. Die interne soziale Struktur einer solchen Horde, so hatte ich weiter ausgeführt, ergibt sich aus der Natur des Menschen. Chef ist also jeweils der Stärkste, und das gilt, bis sich Jemand findet, der ihm diesen Rang mit Erfolg streitig macht.
Das System funktioniert so lange, als die Horde genug Wild sowie Beeren und Kräuter vorfindet. Sobald das nicht mehr der Fall ist, müssen die Menschen sich neue Jagdgründe. So erschließen sie sich im Laufe der Jahrtausende die ganze Welt von Afrika bis Australien, ja, sie gelangen sogar nach Amerika, da es zum Ausgang der Eiszeit noch eine Brücke gibt, die von Asien in die neue Welt führt, aber irgendwann ist Schluss: der Mensch muss seine Produktivität steigern, wenn er sich gegen den wachsenden Druck der konkurrierenden Horden behaupten will. Das geschieht unter anderem dadurch, dass sich einzelne Horden in einem Prozess, der bis heute andauert, zu immer größren Sozialverbänden zusammenschließen, also Stämme, Völkerschaften und Nationen bilden. Dabei definiert sich jede Gruppe dadurch, dass sie feststellt: Wir sind nicht so wie die da. Es wiederholt sich also im Kollektiv das, was das Individuum in seiner Kindheit erlebt hat, nämlich dass der Mensch sich seiner selbst bewusst wird, indem er sich von seinem Gegenüber distanziert und ihn entweder als Konkurrenten oder als Partner, jedenfalls als einen Anderen definiert. Solche Prozesse brauchen sehr viel Zeit – und sie hinterlassen in der in der Tradition Spuren. Die Juden gliederten sich beispielsweise noch lange Zeit in zwölf Stämme, und Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut. Beides sind die mythische Erinnerung daran, dass diese Völker einmal aus Untergliederungen zusammengewachsen sind. Den Vorgang fasst die Bibel in die Sage von der vierzigjährigen Wanderung der Kinder Israel durch den Sinai, die so natürlich nie stattgefunden hat, aber darauf kommt es nicht an. So bilden sich Stämme, Völker, Nationen – stets in der Auseinandersetzung mit anderen Gruppen, die als Feinde aufgefasst werden und deshalb nicht nur vernichtet werden können, sondern sogar ausgerottet werden müssen, ein Schicksal, das in jüngster Zeit mit besonderer Härte die Juden traf. Immer also definiert sich der Mensch über den Feind, den er sich gebildet hatte.
Im 19. Jahrhundert glaubte man, dass der Prozess mit der Bildung der Nationen zum Abschluss gekommen sei, aber das war nicht der Fall. Im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden Wirtschaftsräume, so Amerika, Europa und Russland, zu denen nunmehr China und Indien hinzugetreten sind, die miteinander in Konkurrenz stehen, aber selbst das genügt nicht mehr – schemenhaft deutet sich ein Weltsystem an, dem alle Glieder irgendwie untergeordnet sind. Wie sich das im Einzelnen gestalten wird, wissen wir noch nicht, aber erste Ansätze, wie die UN, sind sichtbar und können selbst von den USA nicht rückgängig gemacht werden, auch wenn die Regierung Bush sich die größte Mühe gab. Die Ursache liegt darin, dass die Weltwirtschaft immer enger und schneller wird, was zwar im Prinzip nicht neu ist, also schon von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest richtig beschrieben wurde, aber erst heute zu praktischen und vor allem unumkehrbaren Konsequenzen führt.
Was hier geschehen ist, möchte ich wieder am Beispiel der Juden deutlich machen.
Hier haben sich, so hatte ich gesagt, zwölf Stämme zu einem Volk zusammen gefunden. Das konnte aber nur geschehen, indem sie sich gemeinsame Regeln gaben, nach denen sie leben wollten. Das ist sicherlich nicht erst nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil geschehen, sondern sehr viel früher, nur dass man damals das Bedürfnis verspürte, das gemeinsame Gesetz aufzuschreiben, vermutlich weil es zum Teil in Vergessenheit geraten war, zum Teil angezweifelt wurde. Nun interessiert mich hier ein besonderer Aspekt der Thora. Die Verfasser des Gesetzes, also die jüdische Priesterkaste, hat das Gesetz nämlich in zwei Teile gegliedert:
· Die erste, sehr viel kürzere Tafel, gilt für alle Menschen, egal welchem Sozialverband angehören,
· während die zweite nur die Juden etwas angeht.
Ein Beispiel: Dass der Mensch den anderen nicht bestehlen sollte, leuchtet unmittelbar ein (sofern es Eigentum gibt), aber der Verzehr von Schweinefleisch ist nur Juden verboten. Die eine Vorschrift sollten also alle beachten, die zweite nur diejenigen einer Gruppe. Diese Differenzierung steht sicherlich am Ende einer langen Entwicklung, denn es gibt indianische Stämme, für die nur der eigene Stammesangehörige ein „Mensch“, während das für alle anderen nicht. Die Juden haben in ihrem Recht schon sehr früh einen Begriff gebildet, der selbst uns heute keineswegs selbstverständlich ist: Der Mensch. Gott, so lesen wir nämlich im Tanach, hat den Menschen geschaffen, und aus diesem einen Wesen hat sich dann nach und nach das Volk der Juden herausgebildet. Die Angehörigen dieser Gruppe sind also Teil der Menschheit, wie andere auch, also wie die Philister, die Ammoniter und die Jebusiter und wer auch immer. Auch die Sklaven waren für die Juden durchaus Menschen, die zwar in einem besonderen und in der Regel unerfreulichen Dienstverhältnis zu ihren Herren standen, aber sie waren Menschen, ein Status, der den Griechen beispielsweise durchaus nicht so klar war, für den der Sklave eher ein Werkzeug bzw. eine belebte Maschine war. Aus dieser Feststellung folgte für die Juden des Tanach allerdings durchaus nicht, dass es so etwas gäbe wie Menschenrechte, aber es waren doch die Voraussetzungen geschaffen, die zu dieser Folgerung früher oder später führen mussten. Wichtiger als die persönliche Freiheit waren zunächst vermögensrechtliche Konsequenzen, wie die berühmte Vorschrift, dass der Jude seinem Feind den Esel, den er gefunden hat, dem Eigentümer zurückgeben soll. Dass die Menschenrechte überall gelten sollten, ist keineswegs überall eine Selbstverständlichkeit, wie die Todesurteile in den USA, China, dem Iran und anderen Staaten, die wir als zivilisiert bezeichnen, lehren. Anmerkung: Im Dezember hatte ich 2670 Zugriffe (November: 2587), was einem täglichen Durchschnitt von 86,13 (November: 85,48) entspricht. Vor einem Jahr, also Dezember 2008 hatte ich 2552 Leser (82,32 im täglichen Durchschnitt). Es ist also eine leichte Steigerung im Vergleich zum Vorjahr eingetreten, wenn auch der Rekord vom Oktober bei weitem .nicht wieder erreicht wurde. Natürlich ist der Nazi-Barde August Hinrichs immer noch der Schandbürger Oldenburgs. Hier gibt es Niemanden, der öffentlich dagegen protestiert, dass die politische Elite dieser Stadt sich so ohne Ausnahme mit der Ideologie identifiziert, die zu den Verbrechen von Langemarck, Verdun, Auschwitz und Rostock-Lichtenhagen sowie Solingen motiviert hat und noch motiviert. Pfui. Und nun noch etwas Reklame: Klaus Dede Von böser Lust und rechter Freudigkeit Die Kampagne der Priester, Pastoren, Ärzte und Lehrer gegen das unglaublich gemeine Laster der zerstörerischen Selbstbefleckung Aachen 2009, Shakermedia, 223 Seiten, 19.90 Euro Und noch ein Hinweis: Im Melzer-Verlag (Bermondstr. 9, 63263 Neu-Isenburg) erscheint alle zwei Monate die Zeitschrift „Semit“, die ich hier dringend empfehlen möchte. www.dersemit.de
